Die Sportstätte Veddel (Am Zollhafen 5a, 20539 Hamburg) wird im Budocentrum Hamburg häufig als „die kleine Schwester im Süden“ wahrgenommen. Nur wenigen ist dabei klar, dass hier der eigentliche Ursprung der Budoabteilung der Sportvereinigung Polizei von 1920 e.V. (SVP) liegt. Vom Budocentrum Hamburg/Alsterdorf haben wir „die Veddel“ besucht und uns mit den Trainern Harald Stöhr und Ali Khorram unterhalten.
Betritt man die klassische Turnhalle während der Trainingszeit Montag und Freitag, steht man vor einem wuseligen Bild und kann kaum sagen, wie viele Untergruppen hier gleichzeitig trainieren. Im Vordergrund lernen Jugendliche eine Karate-Kata, in der Mitte bewegen sich kleinere Kinder in der für Karate typischen Art und die Trainer zählen „ichi, ni, san, shi, go“ und ganz hinten werfen sich zwei erwachsene Ju-Jutsu-Ka abwechselnd auf die Matte und bereiten sich auf ihre nächste Prüfung vor.

Die Trainer Harald Stöhr, Ali Khorram, Dmitrij Samko und Upali Fonseka (der langjährige Trainer Jan Dehde kuriert eine Verletzung aus) wechseln zwischen den Gruppen hin und her, die Trainingszeiten scheinen auch zeitlich nur lose voneinander abgegrenzt.
Insgesamt herrscht eine entspannte Atmosphäre, wo jede und jeder freundlich begrüßt wird und man zwischen den konzentrierten Übungen auch immer Zeit für ein paar private Worte mit Kindern und Eltern findet. Und dennoch meint man es hier durchaus ernst mit dem Leistungsgedanken: Die Karate-Ka der Veddel starten regelmäßig auf größeren und kleineren Turnieren und holen ebenso regelmäßig Spitzenplätze und Pokale.
SVP Trainergespann auf der Veddel / Fotogalerie
Harald, was kannst Du uns über die Historie der Sportanlage erzählen, in der wir hier sind?
Harald: Ursprünglich war das hier mal ein Pferdestall. Dann hat man ihn als Halle umgebaut und zunächst weiter Pferdesport betrieben, da sind also die Pferde hier im Kreis gelaufen. Vor ca. 70 Jahren hat dann der Polizeisport die Halle übernommen und mit Kampfsport angefangen. Erst wurde Judo gemacht, dann auch Ju-Jutsu, später kamen Karate und vor 20 Jahren schließlich Kickboxen dazu. Wir sind einfach hiergeblieben, als das Budocentrum vor ca. 40 Jahren in Alsterdorf gebaut wurde. Heute konzentrieren uns v.a. auf Karate und Kickboxen.


Du bist ja auch ein echtes Urgestein der Budoabteilung …
Harald: Kann man so sagen. Ich bin seit 60 Jahren im Verein und leite unsere „Abteilung“ hier seit 50 Jahren. Offiziell habe ich „nur“ den 1. Dan in Karate und in Kickboxen, aber im Laufe der Zeit habe ich schon alles Mögliche gemacht, von Judo über Boxen, Taekwondo, Wing-Tsun, Kung-Fu usw. Wir waren früher sehr aktive Wettkämpfer im Karate, fanden aber die Turnierregeln zu unrealistisch. Also sind wir zum Kickboxen gegangen und haben im Laufe der Zeit immer wieder Leute eingeladen, um uns zu zeigen, wie sie kämpfen. Wir wollten wissen, wie die sich bewegen – damit wir selber besser werden und sie schlagen konnten (grinst).
Was ist Dir wichtig in Deiner Position bzw. bei dem Training, das Du gibst?
Harald: Insbesondere bei den Kindern ist mir wichtig, dass wir ihnen eine saubere Karate-Ausbildung geben. Das sollen keine Schläger werden, sondern sie sollen Respekt lernen und vernünftig miteinander umzugehen. Aber sie sollen dabei auch Spaß haben und Erfolgserlebnisse. Deswegen machen wir ja so viele Turniere mit: Damit alle Erfolgserlebnisse haben – ich auch (lacht). Für mich ist auch wichtig, dass sie eine breitere technische Basis bekommen als „nur“ Karate. Deswegen bringen wir ihnen z.B. auch Fallschule, Würfe und weitere Elemente aus Judo und Ju-Jutsu bei.
Worauf bist Du besonders stolz?
Harald: Ich habe fünf Leute zum Dan geführt, das macht mich schon stolz. Und auch, wie gut das hier mit allen klappt. Wir haben 90% Migrationsanteil im Stadtteil, es kommen ganz unterschiedliche Leute mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Aber wir bekommen es hin, dass alle super miteinander umgehen und sich als eine Gemeinschaft fühlen. Das ist schon etwas Besonderes.
Wo siehst Du aktuell Herausforderungen?
Harald: Wenn ich ehrlich bin, dann befinde ich mich gesundheitlich auf dem absteigenden Ast. Ich bin über 70, mein langjähriger Kollege Jan ist auch schon 65. Wir werden das Feld bald den anderen überlassen müssen und wollen alles möglichst gut vorbereiten. Trotzdem würde ich gerne noch ein paar Leute zum 1. Dan bringen. Und gerne auch nochmal sehen, wie jemand von uns die Deutsche Meisterschaft gewinnt (schmunzelt). (Anmerkung: Im Laufe des Trainings zeigt Harald seinen Schülerinnen und Schülern lässig, wie man den Fuß zum Dehnen für einen Seitwärts-Kick auf einen hüfthohen Kasten schwingt.)

Ali, Du gehörst sozusagen zur nachwachsenden Generation. Was ist Dir wichtig?
Ali: Das Familiäre, die nette Gruppe, die Vertrautheit. Dass wir hier alle auch privat miteinander umgehen, der fließende Übergang. Eine ganz wichtige Funktion haben dabei aus meiner Sicht die (Co-)Trainer. Sie sind die Vorbilder für die Kinder, sie tragen die Kultur unseres Vereins und unserer Gemeinschaft weiter. Upali hat hier bereits als Kind angefangen und ich bin auch schon seit über 20 Jahren dabei. Wir möchten diese besondere Atmosphäre gerne an die nächste Generation weitergeben. Wie Harald schon sagte, sind wir sozusagen in einem „prädestinierten Stadtteil“. Die Kinder brauchen Vorbilder und sie müssen beschäftigt werden. Wir wollen hier für die Kinder eine Zeit kreieren, die sie als wertvoll wahrnehmen und daher gerne herkommen. Wenn sie zum Training kommen, dann sollen sie etwas lernen, das sinnvoll und zielführend ist. Sie sollen die Zeit nutzen können, aber natürlich auch gemeinsam viel Spaß haben.
Wie ist denn das Training aufgebaut?
Ali: Wir starten um 18h mit Karate-Training für Kinder. Je nachdem, welche Alters- und Erfahrungsstufen da sind, bilden wir unterschiedliche Untergruppen. Dieses Training ist eher spielerisch, aber immer klar strukturiert. Ab 18:45h startet dann das Karate-Training für Erwachsene und Jugendliche, da geht es stärker um den Leistungs-Gedanken. Auch diese Gruppe teilen wir auf, je nachdem, wer da ist und was gerade anliegt: Turnier, Prüfung oder eine neue Kata lernen. Zwischen beiden Gruppen ist auch ein gewisser Übergang, manche starten etwas früher oder bleiben länger. Um 20:15h startet dann Kickboxen. Das Training nennen wir inzwischen eher „Fusion Kickboxen“, weil wir viele Elemente aus Fitness oder auch Yoga integrieren. Es stehen eher Fitness, Dehnen und Gesundheit im Mittelpunkt. Außerdem haben wir noch dienstags um 19h eine Trainingseinheit Ju-Jutsu im Landesleistungszentrum des HJJV (Hamburgischer Ju-Jutsu Verband). Einige Leute trainieren auch noch zusätzlich im Budocentrum – aber das ist natürlich recht aufwändig für sie.
Wo siehst Du aktuell Herausforderungen?
Ali: Wir haben nicht die Ressourcen, die wir gerne hätten. Einmal haben wir wenig Platz, ihr habt ja gesehen, wie viele Leute hier vorhin gleichzeitig trainiert haben. (Anmerkung: Inzwischen ist es leerer geworden, es trainiert „nur“ noch die Kickbox-Gruppe für Erwachsene.) Und dann haben wir gerade eine Verschiebung in der Altersstruktur: Im Moment sind mehr Erwachsene aktiv und wir wollen wieder mehr Kinder haben.


Wie blickst Du in die Zukunft?
Ali: Ich bin guter Dinge. Ich bin ja selbst seit 2005 Mitglied und Trainer und habe gesehen, wie es sich immer wieder verändert hat. 2010 wurde die Halle umgebaut und es wurde Einiges verändert, das nicht ganz in unserem Sinne war, z.B. können wir unsere Matten nicht mehr vernünftig einlagern. Ganz früher hatten wir auf der einen Seite auch einen echten Box-Ring und in der Mitte einen kleinen Aufenthaltsbereich. Jede Trainer-Generation muss immer wieder schauen, wo sie die Schwerpunkte setzt, was sie beibehält und was sie verändern will. Schauen wir mal, wie es weiter geht. Ich freue mich, bin wirklich sehr gerne hier und wie Harald immer wieder stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben und noch erreichen werden.
Interviewer: Harald und Ali, vielen Dank für das Gespräch.
Weitere Infos:
Trainingsplan der Veddel: https://www.budocentrum.de/trainingsplan-veddel/
Trainer auf der Veddel: https://www.budocentrum.de/trainingsleitung/ (im Suchfeld „Veddel“ eingeben)
Trainingsorte und Räumlichkeiten der Budoabteilung der SV Polizei Hamburg: https://www.budocentrum.de/ueber-uns/trainingsorte/
Interviewer/Text: Knut Riedel (SVP), Fotos/Redaktion: Andreas Rasche (SVP)














