Neumünster unter Strom: Szenario-Training im Bus fordert Körper und Kopf

Ein Bus wird zur Trainingsfläche, der Alltag zum Ernstfall. In Neumünster eröffnete am 30.05.2026 ein intensiver Workshop der Karatesparte des Großenasper Sportverein 1912 zur Selbstverteidigung im öffentlichen Personennahverkehr elf Teilnehmenden aus Norddeutschland neue Erfahrungshorizonte. Unter Leitung von Torge Sachau stand nicht Technik im Fokus, sondern Verhalten, Entscheidung und Haltung in dynamischen Konfliktsituationen.

Die gemischtgeschlechtliche Gruppe bestand aus 11 kampfsporterfahrenen Erwachsenen aus unterschiedlichen Systemen wie Karate, Ju-Jutsu oder freier Selbstverteidigung. Mit dabei auch drei Vereinsangehörige der Sportvereinigung Polizei Hamburg (SVP). Voraussetzungen waren strapazierfähige Kleidung, Schutzausrüstung und die Bereitschaft, sich realistischen Szenarien zu stellen. Nach kurzer Theorie und Klärung der Verhaltensregeln begann das Training in einem Bus der SWN Verkehrs GmbH, der aus Sicherheits- und Versicherungsgründen stillstand.

Handlungsmöglichkeiten auf engstem Raum – Selbstverteidigungsszenarien im Bus

Die Situation im Bus ist klar (oder auch nicht): enger Raum, mehrere Personen, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, unklare Lage. Genau dort, wo Theorie schnell an ihre Grenzen kommt und das Adrenalin die Gemüter zum Kochen bringt. Auf dem rund vierstündigen Programm standen 22 Szenarien, die den Alltag im Bus widerspiegelten sollten. Drängelde Person beim Ein- und Aussteigen, Sitzplatzgedrängel, Diskussionen, Pöbeleien, Taschendiebstahl, alkoholisierte Personen, Lärmbelästigung, körperliche Auseinandersetzungen auf engstem Raum. Konstellationen wie zum Beispiel eine Person gegen eine Person oder eine Person gegen mehrere, Mann gegen Mann, Frau gegen Mann.

Immer wieder wechselten die Rollen zwischen Opfer und Täter. Der Blick wurde geschärft für Dynamiken, für den Moment, in dem eine Situation kippt. Zentral war die Frage nach Deeskalation. Wann lohnt sich ein Wort, wann ist Distanz die bessere Wahl. Und wann bleibt nur noch Handeln. Fluchtwege erkennen, bevor sie gebraucht werden. Entscheidungen treffen unter Druck. Auch der Einsatz von Gewalt im Rahmen von Notwehr und Nothilfe wurde thematisiert und körperlich umgesetzt. Ebenso der Umgang mit möglichen Waffen wie Knüppel, Messer oder Pistole. Keine Show, kein falscher Mut, sondern klare, nachvollziehbare Strategien.

Motivierte Gruppe beim Szenario-Training im Bus

Torge Sachau (2. Dan Karate, A-Trainer Selbstverteidigung, B-Trainer Gewaltschutz) führte strukturiert durch den Tag. Hohe Motivation traf auf ehrliche Erkenntnisse. Das Fazit fiel entsprechend differenziert aus. Es gibt nicht die eine Lösung, Situationen bleiben dynamisch. Sensibilisierung erhöht die Wahrnehmung, Training erweitert die eigenen Handlungsoptionen.

Am Ende blieb eine zentrale Frage im Raum. Wie weit will oder muss ich gehen, um mich oder andere zu schützen oder mich und andere in Gefahr zu bringen. Die Antworten darauf sind so individuell wie die Teilnehmenden selbst. Nach einem intensiven Tag überwogen Ruhe, Nachdenklichkeit und das gute Gefühl, ein Stück besser vorbereitet zu sein. Text/Fotos: Andreas Rasche (SVP Hamburg)